Die geschwätzige Chwesska

Die geschwätzige Chwesska

Nichts Schlimmeres gibt es als Menschen, die ihre Zunge nicht im Zaum halten können. Am allerschlimmsten ist es um die Weiber bestellt. Kaum haben sie etwas erfahren, rennen sie zur Nachbarin.
„Ach, liebe Gevatterin, was ich da gehört habe! Euch kann ich es ja erzählen, aber sprecht um Himmels willen nicht darüber, denn keine Menschenseele darf davon ein Sterbenswörtchen erfahren!“
Die liebe Gevatterin aber erzählt’s wiederum einer Gevatterin, die einer dritten, die dritte einer fünften und zehnten, und schon weiß das ganze Dorf, was niemand wissen sollte.

Und nun erzähle ich euch mein Märchen.

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hießen Petro und Chwesska. Chwesska war ein schmuckes Weibchen vom Scheitel bis zur Sohle; sie hatte nur einen Makel: Ihre Zunge war allzu flink. Was immer Petro ihr auch erzählen mochte, ihre geschwätzige Zunge plauderte alles aus. Am liebsten hätte der Mann seiner Frau gar nichts mehr erzählt. Er redete mit ihr im guten wie im bösen, gegen ihre Schwatzhaftigkeit aber war kein Kraut gewachsen. Weiterlesen

Der Kreuzschnabel

Der Kreuzschnabel

Als der Heiland litt am Kreuze,
Himmelwärts den Blick gewandt,
Fühlt‘ er heimlich sanftes Zucken
An der stahldurchbohrten Hand.

Hier, von allen ganz verlassen,
Sieht er eifrig mit Bemühn
An dem einen starken Nagel
Ein barmherzig Vöglein ziehn.

Blutbeträuft und ohne Rasten
Mit dem Schnabel zart und klein,
Möcht‘ den Heiland er vom Kreuze,
Seines Schöpfers Sohn befrein.

Und der Heiland spricht in Milde:
„Sei gesegnet für und für!
Trag‘ das Zeichen dieser Stunde,
Ewig Blut und Kreuzeszier!“

Kreuzesschnabel heißt das Vöglein;
Ganz bedeckt vom Blut so klar,
Singt es tief im Fichtenwalde
Märchenhaft und wunderbar.

Julius Mosen

Das Gericht der Vögel

Das Gericht der Vögel

Wütend war die Reiherin – weit konnte man es hören –
auf die Eule, die auf einem Baumstumpf saß indessen!
„Eule, du verruchte, warte nur, ich werd dich lehren!
Hast mir meine Kinderchen erwürgt und aufgefressen!
Jede Nacht umkreist du Bestie stöhnend hier den Weiher,
glühn im Dunkeln deine bösen Augen grell wie Feuer!“ –
„Wer hat dir gesagt, dass ich sie aufgefressen habe?“
rief die Eule. – „Nein, ich schwöre dir, es war der Rabe!“
Plötzlich lief das Birkhuhn, aufgestört durch das Geschrei,
flogen die Möwe und die Eichelhäherin herbei.
Tröstend sprachen sie: „Hör auf, zu weinen und zu fluchen!
Besser wär’s, wenn wir vereint den Übeltäter suchen!“
Und sie sausten los quer durch den Wald – den höchsten Ast
einer Rieseneiche wählten sie sich aus zur Rast.
Ihre flinken Äuglein spähten aus, und bald entdeckt
war der Rabe, der im dichten Laub sich hielt versteckt.
Seitwärts packten Reiherin und Häherin den Tropf.
„Teufel!“ schrie die Möwe, als sie ihn ergriff beim Schopf.
In das Innere des Waldes schleppten sie ihn dann,
wo im Beisein aller Vögel das Gericht begann.
Richter war der Adler, dem der Falk die Feder führte.
Und der Urteilsspruch war hart, wie’s Räubern wohl gebührte:
Alle Vögel sollten aus dem Wald fortan ihn jagen,
vogelfrei sollt er den Namen Vogel nie mehr tragen!

Märchen aus der Ukraine

Der gewitzte Knecht

Der gewitzte Knecht

Ein Pope hatte einen Knecht, der hieß Iwan. Wie bekannt, pflegten die Popen ihren Knechten schlechtes Essen vorzusetzen. Nie gaben sie ihnen frisches Brot, immer war es altbacken und oftmals sogar steinhart.
Eines Tages kam noch zu später Stunde ein reicher Mann und ließ sein Kind taufen. Iwan aber hatte aufgepasst, wo die Magd das Brot versteckte, das jener mitgebracht. Am Abend nahm er es und trug es in seine Behausung. Da dachte er bei sich: Ein Dummkopf war ich, wollt ich trocken Brot essen! Ich geh in den Keller und hol mir saure Sahne dazu.
Während die Magd noch in der Küche zu tun hatte, ging er auf den Hof, schlich in den Erdkeller und machte sich über die Sahne her; er aß und trank sich satt und ging davon. Etwas Sahne aber war auf die Erde getropft, und als nun die Popenfrau am nächsten Morgen in den Keller kam, merkte sie, dass jemand von der Sahne gegessen hatte.
„Unser Iwan fängt an zu stibitzen“, klagte sie dem Popen.
Der rief Iwan zu sich und fragte: „Iwan, fängst du an zu stibitzen?“
„Kein einzig Mal hab ich etwas stibitzt, Väterchen“, antwortete Iwan.
„Dann sind es wohl die Heiligen gewesen, was?“ fragte der Pope.
„Wer weiß“, entgegnete Iwan, „vielleicht waren es die Heiligen!“
Am nächsten Tage tat sich Iwan wiederum im Keller gütlich. Dann nahm er die Kirchenschlüssel und den Topf mit Sahne und ging zur Kirche. Er schloss sie auf, trat ein und strich den Heiligen Sahne um den Mund. Dem heiligen Nikolai aber, dem obersten Heiligen, bestrich er außerdem noch den Bart. Dann schloss Iwan die Kirche wieder zu und ging heim. Weiterlesen