Von der Alten, die auf Besuch wartete

Eine Alte saß eines Abends beim Spinnrad, sie spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird mich jemand besuchen?

Da!
Die Tür öffnet sich, und in die Stube tummeln sich und hin zum Ofen setzen sich zwei sehr breite Pantoffeln.

Und die Alte saß beim Spinnrad und spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird mich jemand besuchen?

Da!
Die Tür öffnet sich, und in die Stube tummeln sich und in die Pan­toffeln setzen sich zwei hauchdünne Waden.

Und die Alte saß beim Spinnrad und spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird mich jemand besuchen?

Da!
Die Tür öffnet sich, und in die Stube tummeln sich und auf die Waden setzen sich zwei sehr große Knie.

Und die Alte saß beim Spinnrad und spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird mich jemand besuchen?

Da!
Die Tür öffnet sich, und in die Stube tummeln sich und auf die Waden setzen sich zwei magere Schenkel.

Und die Alte saß beim Spinnrad und spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird mich jemand besuchen?

Da!
Die Tür öffnet sich, und in die Stube tummeln sich und auf die Schenkel setzen sich zwei sehr breite Hüften.

Und die Alte saß beim Spinnrad und spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird mich jemand besuchen?

Da!
Die Tür öffnet sich, und in die Stube tummeln sich und auf die Hüften setzen sich knochige Rippen.

Und die Alte saß beim Spinnrad und spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird mich jemand besuchen?

Da!
Die Tür öffnet sich, und in die Stube tummeln sich und auf die Rippen setzen sich zwei mächtige Schultern.

Und die Alte saß beim Spinnrad und spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird mich jemand besuchen?

Da!
Die Tür öffnet sich, und in die Stube tummeln sich und auf die Schultern setzen sich zwei sehr dünne Arme.

Und die Alte saß beim Spinnrad und spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird mich jemand besuchen?

Da!
Die Tür öffnet sich, und in die Stube tummeln sich und auf die Arme setzen sich zwei riesengroße Hände.

Und die Alte saß beim Spinnrad und spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird-mich jemand besuchen?

Da!
Die Tür öffnet sich, und in die Stube tummelt sich und auf die Schul­tern setzet sich ein sehr, sehr dünner Hals.

Und die Alte saß beim Spinnrad und spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird mich jemand besuchen?

Da!
Die Tür öffnet sich, und in die Stube tummelt sich und auf das Hälschen setzet sich ein riesengroßer Kopf.

„Und warum hast du so breite Pantoffeln?“ fragte die Alte.

„Weil ich viel gelaufen bin, weil ich viel gelaufen bin“, antwortete eine rauhe Stimme.

„Und warum hast du so dünne Waden?“ fragte die Alte.

„Weil ich kaum zu essen habe, weil ich kaum zu essen habe“, antwortete“ ein weinerliches Stimmchen.

„Und warum hast du so große Knie?“ fragte die Alte.

„Weil ich viel gekniet habe, weil ich viel gekniet habe“, antwortete eine rauhe Stimme.

„Und warum hast du so magere Schenkel?“ fragte die Alte.

„Weil ich kaum zu essen habe, weil ich kaum zu essen habe“, antwortete ein weinerliches Stimmchen.

„Und warum hast du so breite Hüften?“ fragte die Alte.

„Weil ich viel gesessen habe, weil ich viel gesessen habe“, antwortete eine rauhe Stimme.

„Und warum hast du so knochige Rippen?“ fragte die Alte.

„Weil ich kaum zu essen habe, weil ich kaum zu essen habe“, antwortete ein weinerliches Stimmchen.

„Und warum hast du so mächtige Schultern?“ fragte die Alte.

„Weil ich viel getragen habe, weil ich viel getragen habe“, antwortete eine rauhe Stimme.

„Und warum hast du so dünne Arme?“ fragte die Alte.

„Weil ich kaum zu essen habe, weil ich kaum zu essen habe“, antwortete ein weinerliches Stimmchen.

„Und warum hast du so große Hände?“ fragte die Alte.

„Weil ich sehr viel arbeiten muss, weil ich sehr viel arbeiten muss“, antwortete eine rauhe Stimme.

„Und warum hast du so einen dünnen Hals?“ fragte die Alte.

„Weil ich kaum zu essen habe, weil ich kaum zu essen habe“, antwortete eine weinerliche Stimme.

„Und warum hast du so einen riesengroßen Kopf?“ fragte die Alte.

„Weil ich sehr viel weiß, weil ich sehr viel weiß“, antwortete eine rauhe Stimme.

„Und warum bist du hergekommen?“ fragte die Alte.

„UM DICH ZU HOLEN,
UM DICH ZU HOLEN!“

schrie der Gast und streckte seine riesengroßen Hände nach der Alten aus. Doch die Alte ließ sich nicht ins Bockshorn jagen. Sie packte das Nudelholz und schlug dem Gast mit aller Kraft über den Schädel. Und da machte sich der Gast sofort aus dem Staube — zuerst der Kopf, dann der Hals, dann die Hände, dann die Arme, dann die Schultern, dann die Rippen, dann die Hüften, dann die Schenkel, dann die Knie, dann die Waden und schließlich auch die sehr breiten Pantoffeln.

Und die Alte saß wieder beim Spinnrad und spann, sie spann, die Zeit verrann.
Wann, seufzte sie, wann wird mich jemand besuchen?

Märchen aus England