Der Bär und das böse Wort

In einem Wald lebten in einer Höhle kleine Bären. Einmal war ein Mann in den Wald gekommen, um Holz zu sammeln, da war eines der Bärenkinder aus der Höhle gekrochen, blieb in einer Hecke auf einem Hügel hängen und konnte nicht mehr loskommen. Der Mann sah das, bekam Mitleid mit dem Bären, ging zu ihm und befreite ihn aus dem Strauch. Er trug ihn in die Höhle zurück und begann von neuem, Holz zu sammeln.
Plötzlich kam die Bärenmutter heran, die alles gesehen hatte, und sagte zu dem Mann:
»Du hast mir Gutes erwiesen; willst du, dass wir Freunde sind?«
Der Mann hatte Angst, aber was sollte er machen? Er fasste sich ein Herz, und sie wurden nach und nach gute Freunde. Als er fortging, versprachen sie sich, dass er oft in den Wald kommen und die Bären an dieser Stelle suchen würde.
Einmal, als sie sich voneinander trennten, umarmten sie sich, und der Mann sagte zu dem Bären: »Ach, Freund, es ist alles schön und gut an dir, aber eines taugt nicht: Du stinkst aus dem Mund!«
Der Mann hatte nicht überlegt, was er sagte, und bemerkte auch nicht, dass das dem Bären weh tat. Diese Worte trafen den Bären tief ins Herz, er erwiderte aber nichts, sondern er hielt ihm nur seinen Kopf hin und bat:
»Schlag mich, Freund, so fest du kannst, mit dem Beil auf den Kopf, kannst du es aber nicht, so fresse ich dich.«
Der Mann war entsetzt und Weiterlesen

Das Kätzchen und die Stricknadeln

Das Kätzchen und die Stricknadeln

Es war einmal eine arme Frau, die ging in den Wald, um Holz zu lesen. Als sie mit ihrer Bürde auf dem Rückwege war, sah sie ein krankes Kätzchen hinter dem Zaune liegen, das kläglich schrie. Die arme Frau nahm es mitleidig in ihre Schürze und trug es nach Hause. Auf dem Wege kamen ihre beiden Kinder ihr entgegen, und als sie sahen, dass die Mutter etwas trug, fragten sie: „Mutter, was trägst du?“ und wollten gleich das Kätzchen haben. Aber die mitleidige Frau gab es ihnen nicht, aus Sorge, sie möchten es quälen, sondern sie legte das Kätzchen zu Hause auf alte, weiche Kleider und gab ihm Milch zu trinken. Als das Kätzchen sich gelabt hatte und wieder gesund war, war es mit einemmal fort und verschwunden.
Nach einiger Zeit ging die arme Frau wieder in den Wald, und als sie mit ihrer Bürde Holz wieder an die Stelle kam, wo das kranke Kätzchen gelegen hatte, da stand eine ganz vornehme Dame dort. Die winkte die arme Frau zu sich und warf ihr fünf Stricknadeln in die Schürze. Die Frau wusste nicht recht, was sie denken sollte; es dünkte diese absonderliche Gabe sie gar zu gering. Doch nahm sie die fünf Stricknadeln mit sich und legte sie des Abends auf den Tisch. Aber als die Frau am andern Morgen ihr Lager verließ, da lag ein paar neuer, fertig gestrickter Strümpfe auf dem Tische. Das wunderte die arme Frau über alle Maßen. Am nächsten Abend legte sie die Nadeln wieder auf den Tisch, und am andern Morgen darauf lagen neue Strümpfe da. Jetzt merkte sie, dass ihr die fleißigen Nadeln beschert waren, weil sie Mitleid mit dem kranken Kätzchen gehabt hatte. Sie ließ die Nadeln nun jede Nacht stricken, bis sie und die Kinder genug Strümpfe hatten. Dann verkaufte sie auch Strümpfe und hatte genug bis an ihr seliges Ende.

Ludwig Bechstein

Kieselchen und Beerchen

Kieselchen und Beerchen

Kieselchen war ein sehr guter Junge. Er hütete gern das Vieh, er liebte die Tiere, die Vögel und die Pflanzen. Während des Hütens schnitzte er aus Holz allerlei Figuren, Löffel oder Pfeifen, oder er sammelte Beeren und Pilze für seine Mutter.
An einem schönen Sommertag fand Kieselchen am Wegrand eine große reife Erdbeere. Er setzte sich auf einen Baumstumpf, nahm diese Erdbeere in die Hand, betrachtete sie und sprach zu sich selbst: „Ach, wenn sich doch die Beere jetzt in ein hübsches Mädchen verwandelte! Dann würden wir beide Vieh hüten und singen, Beeren sammeln und spielen.“
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als die Erdbeere plötzlich zu Boden fiel und ein schönes Mädchen in einem roten Kleidchen mit grünen Schleifen im blonden Haar vor ihm stand. Kieselchen blieb vor Staunen der Mund offen. Das schöne Mädchen aber verneigte sich vor ihm, lächelte allerliebst und sprach: „Hab keine Angst vor mir, Kieselchen. Ich werde dir beim Hüten helfen, dann hast du keine Langeweile mehr.“
Kieselchen war froh und teilte sogleich das Frühstücksbrot, das seine Mutter ihm mitgegeben hatte, mit dem Mädchen, dem er den Namen Beerchen gab. Beerchen war ein lustiges Mädchen. Den ganzen Tag sang und spielte es mit Kieselchen und erzählte ihm viele schöne Geschichten aus dem Wald. Inzwischen war es Abend geworden, und Kieselchen sprach zu dem Mädchen: „Beerchen, die Sonne bereitet sich zum Schlafen vor, es wird Zeit, das Vieh heimzutreiben. Das werden wir jetzt gemeinsam tun. Meine Mutter ist gut, sie wird dich wie die eigene Tochter aufnehmen.“
„Nein, Kieselchen“, erwiderte Beerchen. „Du musst allein gehen. Ich bleibe hier. Ich krieche unter einen Baumstumpf und verbringe dort die Nacht. Wenn du morgen früh wieder kommst und rufst: „Beerchen, komm heraus!“, werde ich unter dem Baumstumpf hervorkriechen.“ Kieselchen trieb das Vieh heim, während Beerchen im Wald zurückblieb.
Als er am nächsten Morgen das Vieh wieder hinaustrieb und zu dem Baumstumpf kam, rief er: „Beerchen, komm heraus!“ Sogleich kroch Beerchen hervor und beide hüteten das Vieh bis zum Abend.
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Vom Wäscher, dem Esel und der Tigerhaut

Im Süden Indiens lebte einst ein Wäscher, der es mit der Ehrlichkeit nicht so genau nahm und auch einmal einen krummen Weg gerade sein ließ, sprang nur etwas für ihn dabei heraus.
Zu seinem Besitz zählte auch ein Esel. Da aber der Wäscher nicht nur unehrlich, sondern obendrein ein unverbesserlicher Geizkragen war, kargte er mit Futter so sehr, dass der Esel mehr und mehr an Ansehen verlor und schließlich in seiner dürren Gestalt ein wahres Bild des Jammers bot.
„Wo soll das hinführen?“ ereiferten sich die Bauern, denn der Esel tat ihnen leid. „Du musst ihn besser füttern!“
Der Wäscher aber hatte für all ihre Vorstellungen nur taube Ohren. „Mischt euch nicht in Dinge, die euch nichts angehen!“ schrie er, „wem zu wohl in seiner Haut ist, der sage es nur frei heraus, ich will ihm schon das Fell gerben!“
Da schwiegen die Bauern. Der Wäscher aber trieb es ärger als zuvor und wartete auf eine Gelegenheit, es den unbequemen Mahnern heimzuzahlen. Eines Tages führte ihn sein Weg durch den Dschungel, und der Zufall wollte es, dass er auf den Kadaver eines Tigers stieß.
„Holla, der kommt mir wie gerufen!“ lachte der Wäscher höhnisch. „Ich will dem Räuber das Fell abziehen und es dem Esel umhängen, dann kann ich ihn nachts auf die Felder treiben. Die Bauern werden ihn für einen Tiger halten und sich hüten, ihm in die Quere zu kommen. Mein Esel wird prächtig dabei gedeihen!“
Gesagt, getan. Und fortan weidete der Esel im Schutz des Tigerfells. Kündigte sich ein neuer Tag an, erschien der Wäscher, sah sich vorsichtig nach allen Himmelsrichtungen um und brachte den Esel auf Umwegen zu seiner Hütte zurück.
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Die junge Ratte und der junge Kater

Eine Ratte und eine Katze hatten jeder einen kleinen Sohn. Eines Tages ging der junge Kater in den Wald, um das Jagen zu erlernen. Dort sah er den Sohn der Ratte ganz alleine spielen, und er fand ihn so reizend und niedlich, dass er sich ihm anschloss. Sie spielten den ganzen Tag zusammen, und einer bewunderte den anderen. Am Abend ging jeder von ihnen nach Hause.
Vater und Mutter Katze fragten ihren Sohn: »Was hast du diesen Tag gemacht?«
»Ich habe mit einer kleinen Kreatur gespielt, die ich vorher noch nie gesehen hatte«, antwortete der junge Kater.
»Wie sah dieses Geschöpf denn aus, mein Sohn?« fragte der Vater.
»Ungefähr so wie ich«, entgegnete der junge Kater, »nur etwas kleiner, sein Schwanz ist wie der meine, aber ohne Fell, auch sein Gesicht ist wie das meine, doch etwas spitzer, und wie ich hat er einen Schnauzbart.«
Nach dieser Beschreibung wurde sein Vater zornig und schimpfte: »Du Sohn eines Abtrünnigen! Während wir diese Geschöpfe verspeisen, verbringst du einen ganzen Tag mit einem von ihnen beim Spiel!«
»Woher soll ich das wissen?« fragte der junge Kater.
»Trefft ihr euch morgen wieder?« erkundigte sich sein Vater.
»Natürlich«, erwiderte der Sohn.
Da riet ihm der alte Kater: »Also morgen, wenn er kommt, friss ihn auf! Hab acht, dass er dir nicht entwischt!«
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