Die mildtätige Gutsherrin

Die mildtätige Gutsherrin

Es war einmal eine Gutsherrin, das war aber eine, ei, ei, ei! Nun, ihr werdet ja sehn, was für eine es war!
Kam da eines Tages ein alter Mann zu ihr und bat um ein Almosen. Trat an die Tür, murmelte ein Gebet und sprach: „Spendet eine milde Gabe, um Christi willen! Erbarmt Euch eines armen Bettlers zur Rettung Eurer Seele, mildtätige Herrin!“
Das hörte die Gutsherrin und dachte bei sich: Warum sollt ich nicht? Hier dieses kleine Ei will ich ihm geben. Wozu auch knausern? Zur Rettung meiner Seele geschieht es doch! Rief ihn also ins Haus und gab ihm ein winziges Ei.
„Da hast du ein Ei, Großvater“, sagte sie, „laß es dir schmecken, Alter, und bete für mich zu Gott.“
Der alte Mann nahm das Ei und verneigte sich. „Ich danke Euch, Herrin! Möge Euch der Herrgott Eure Güte lohnen!“
Und ging davon. Weiterlesen

Dieser Kerl

Dieser Kerl

Wie ich eines Tages die Straße entlangging, sah ich diesen Kerl mir entgegenkommen, und weißte, ich hätte schwören können, er war’s und, weißte, er hätte schwören können, ich war’s.
Wir kamen einander näher, und ich war ganz sicher, er war’s, und er war ganz sicher, ich war’s.
Wir kamen noch näher, und ich war verdammt sicher, er war’s, und er war verdammt sicher, ich war’s.
Wie wir nur ein paar Meter voneinander waren, war ich vollkommen überzeugt, er war’s, und er war vollkommen überzeugt, ich war’s.
Und weißte was, wie wir nebeneinander sind, da war’s keiner von uns!

Märchen aus England

Der Mensch, der Ochse, der Hund und der Affe

Der Mensch, der Ochse, der Hund und der Affe

Als Gott die Welt erschaffen hatte, kam der Mensch zu ihm und sagte: »Du hast mich als Mensch erschaffen; sage mir auch, wie lange ich lebe, wie ich leben, wovon ich mich nähren und was ich arbeiten soll.«
Gott sprach zu ihm: »Dreißig Jahre sollst du leben. Nähren sollst du dich von allem, was deine Gesundheit nicht zerstört, und deine Arbeit wird es sein, alles zu beherrschen, was es auf der Erde gibt.«
Der Mensch sagte: »Gott, ich danke dir für das gute Leben, das du mir schenkst, aber die Jahre sind mir zu wenig.«
Gott sprach: »Geh‘ und setze dich dort in die Ecke.«
Da kam der Ochse und fragte Gott: »Gott, du hast mich als Ochse auf der Welt geschaffen. Sage mir auch, wie lange ich leben, wie ich leben, was ich arbeiten und wovon ich mich nähren soll?«
Gott sprach zu ihm: »Siehst du den Menschen, der dort in der Ecke sitzt? Er wird dein Herr sein. Deine Arbeit wird es sein, den Acker zu pflügen und die Fuhren zu ziehen. Nahrung sollen dir Gras und Stroh sein, und dreißig Jahre sollst du leben.«
Der Ochse sagte zu ihm: »Oh, Gott, welch ein Ochsenleben! Nimm ein wenig von meinen Jahren.«
Als der Mensch in der Ecke das hörte, gab er Gott ein Zeichen und flüsterte: »Nimm von seinen Jahren und gib sie mir!«
Da lachte Gott und sprach: »Nimm die zwanzig von dem Ochsen!«
Er gab ihm zwanzig Jahre Ochsenleben. Weiterlesen

Der Mann und die Schlange

Der Mann und die Schlange

Es war einmal ein Weinbauer, der besaß einen schönen Weinstock. Daneben lag ein Steinhaufen. Darin lebte eine große Schlange. Eines Tages sah der Weinbauer die Schlange und beschloss, ihr Gutes zu tun. Am nächsten Tag nahm er eine Schüssel frischer Milch, trug sie zum Weinstock, stellte sie neben den Steinhaufen und blieb in der Nähe, um zu sehen, was geschehen würde. Die Schlange kam heraus, trank die Milch und ließ in der Schüssel ein Goldstück zu­rück. Dann nahm der Weinbauer die Schüssel mit dem Goldstück und ging heim. Seit dieser Zeit brachte er der Schlange jeden Morgen Milch und bekam viele Jahre lang jedes Mal ein Goldstück. Weiterlesen

Sigo und die braune Bärin

Sigo und die braune Bärin

Es lebte einmal im Urwald weit im Norden ein Junge namens Sigo, dem der Vater gestorben war. Der Stiefvater, Schwarzes Horn genannt, führte eines Tages den Kleinen tief in den Wald und ließ ihn dort. Den frierenden, hungrigen Jungen fand die Braune Bärin, gab ihm einen Schwarzbeerenfladen und brachte ihn in ihr Lager.
Drei zottige Bärenjunge, die Söhne und das Töchterchen der Bärin, beschnupperten den Gast und legten sich vertraulich neben ihm nieder.
Sigo blieb bei der Bärenmutter und vergaß sein früheres Leben. Es schien ihm, dass er als Bärenjunges geboren sei.
Als der Frühling kam, ging die Braune Bärin mit“ ihren Kleinen an den nahen Fluss und fütterte sie mit Stinten. Sie watete in die Flut, setzte sich, fing die sil­brigen Fische und warf sie den Jungen am Ufer zu, damit diese sich den Bauch vollschlügen.
Plötzlich hob sie den Kopf und sog die Luft ein.
„Flieht, Kinder“, rief sie, „lauft, so schnell die Füße euch tragen, ins Lager zurück!“ Rief es und tappte auch selbst hinterdrein.
Im Lager fragte Sigo sie flüsternd: „Vor welchem Tier flohen wir denn?“ Weiterlesen