„Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen,
die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen.
Vielleicht ist alles Schreckliche im Grunde das Hilflose,
das von uns Hilfe will.“

(Rainer Maria Rilke)

Der Drachentöter

Es war ein schönes und fruchtbares Land mit Wäldern, Feldern, Flüssen, Straßen und Städten. Ein König war darüber gesetzt von Gott, ein Greis, älter und stolzer als alle Könige, von denen man je Glaubwürdiges gehört hat. Dieses Königs einziges Kind war ein Mädchen von großer Jugend, Sehnsucht und Schönheit. Der König war verwandt mit allen Thronen der Nachbarschaft, seine Tochter aber war noch ein Kind und allein, wie ohne alle Verwandtschaft. Gewiss war ihre Sanftmut und Milde und die Macht ihres unerwachten stillen Angesichtes die unschuldige Ursache jenes Drachens, welcher, je mehr sie emporwuchs und aufblühte, desto näher heranschlich und sich endlich im Walde vor der schönsten Stadt des Landes, wie der Schrecken selber, niederließ; denn es bestehen geheime Beziehungen zwischen dem Schönen und dem Schrecklichen, an einer bestimmten Stelle ergänzen sich beide wie das lachende Leben und der nahe tägliche Tod.

Damit ist nicht gesagt, dass der Drache der jungen Dame feindlich war, wie ja auch niemand auf Ehre und Gewissen sagen kann, ob der Tod des Lebens Widersacher ist. Vielleicht hätte das große kochende Tier sich wie ein Hund neben dem schönen Mädchen niedergelegt und es wäre vielleicht nur durch die Abscheulichkeit der eigenen Zunge abgehalten worden, die lieblichsten Hände in tierischer Demut zu liebkosen. Aber man ließ es natürlich auf eine Probe nicht ankommen, zumal der Drache gegen alle, die zufällig in den Kreis seiner Kraft traten, erbarmungslos war und, einem sichtbaren Tode vergleichbar, alles, Kinder und Herden nicht ausgenommen, ergriff und behielt. Weiterlesen

Ich bring dich durch die Nacht – Reinhard Mey

 

Die Schatten werden länger,
Der graue, grame Grillenfänger
Streicht um das Haus.
Der Tag ist aus.
Die Ängste kommen näher,
Sie stell‘n sich größer, krall‘n sich zäher
In der Seele fest,
In deinem Traumgeäst.
Manchmal ist es bis zum anderen Ufer der Nacht
Wie ein lichtloser Tunnel, ein nicht enden wollender Schacht.

Ich bring dich durch die Nacht, Weiterlesen

Spruch gegen den Nachtmahr

Spruch gegen den Nachtmahr

Nachtmahr, du leilich (böses) Tier,
Komme mir in der Nacht nicht hier.
Alle Wasser sollst du durchwaten,
Alle Bäumchen sollst du abblättern,
Alle Blümchen sollst du abflücken,
Alle Grübchen sollst du auslecken,
Alle Sträucher sollst du durchkriechen,
Alle Pfützchen sollst du aussaufen,
Alle Hälmchen sollst du zählen.
Komm mir in der Nacht nicht quälen. Weiterlesen

Die Erschaffung der Erde

Die Erschaffung der Erde

Einmal, als Gott und der Böse sich über dieses und jenes unterhielten, kamen sie auf die Erde zu sprechen, wie man sie wohl machen könne. Der Böse glaubte nicht an Gottes Macht, Gott aber sagte zu ihm, er solle dahin gehen, wo die Meere zusammenstoßen und ihm den Meerschaum bringen.

Gott nahm den Meerschaum, tauchte ihn ins Wasser und machte einen Fladen daraus, welcher zu Erde wurde, als er ihn fortwarf. Am Anfang war er so groß wie ein Kuchen­blech und zuletzt wie eine Tenne, in deren Mitte er einen Nussbaum pflanzte. An diesen band er eine goldene Schau­kel und begann zu schaukeln. Plötzlich schlief er ein. Da schlich sich der Böse ganz leise heran, band die Schaukel samt Gott los und beschloss, ihn ins Wasser zu werfen und zu ertränken. Er machte sich auf den Weg ans Ende der Erde, zum Wasser; er suchte mal hier und mal dort, um das Ende zu finden, aber es gab kein Ende, denn die Erde war so groß und endlos geworden. Nach einiger Zeit erwachte Gott und noch schlaftrunken, als er den Bösen sah, sprach er: »Satan, was machst du?«

»Ich wollte dich ertränken und suchte das Ende der Erde«, gestand der Böse. Weiterlesen