Der Tiger und der Affe

Der Tiger und der Affe

In den alten Zeiten, als die Tiger kein Fleisch fraßen und sich von Insekten ernährten, wurden gar weite Landstriche von einer großen Trockenheit heimgesucht.
Auch im Dschungel siechte alles hin. Am meisten litt unter der Dürre der Büffel, ein großes und starkes Tier, das viel Grünfutter brauchte. Er wurde von Tag zu Tag schwächer, schleppte sich mit Mühe und Not an einen fast ausgetrockneten Fluss und sah dort höchst verwundert eine grüne Wiese, auf der Hirsche grasten. Die Hirsche erkannten sofort, dass der Büffel ihnen nichts anhaben konnte, und jagten ihn von der Wiese.
Da nahm der arme Büffel die letzten Kräfte zusammen und begab sich zum Tiger, dem Herrscher des Dschungels. Der lag im Schatten und schnappte nach umherfliegenden Heuschrecken.
Der Büffel trat vor ihn hin und sprach: „Herrscher des Dschungels, erlöse mich aus großer Not, befiehl den Hirschen am Flussufer, mich auf der grünen Wiese weiden zu lassen. Ich will mich dir dafür erkenntlich zeigen und wenn es nötig ist, Leib und Leben für dich hingeben!“
Der Tiger, dem der Büffel leid tat, ging mit ihm zur grünen Wiese.
Als die Hirsche des Herrschers ansichtig wurden, stoben sie auseinander und zogen sich zurück. Nun konnte der Büffel ungestört grasen.
Von Stund an hielten Büffel und Tiger wie Pech und Schwefel zusammen. Der Büffel brauchte keinen Gegner zu fürchten, wenn sich der Tiger in der Nähe aufhielt, und auch der Tiger kam auf seine Rechnung, denn der Büffel erdrückte, sich im Grase wälzend, haufenweise Heuschrecken und Grashüpfer.
Mit der Zeit wurde der Büffel dick und rund.
Eines Tages begegnete der Tiger dem Affen an der Tränke.
„O Herrscher!“ sprach der Affe. „Hast du noch immer nicht die Heuschrecken und Grashüpfer satt? Wenn du nur wüsstest, wie köstlich das Fleisch der Waldtiere schmeckt! Am leckersten aber, lass dich belehren, ist das Fleisch des Büffels.
Versuche es einmal und überzeuge dich, dass ich die Wahrheit gesagt habe.“
Da erinnerte sich der Tiger, was der Büffel ihm versprochen hatte, nämlich Leib und Leben für ihn hinzugeben. Er lief zur Wiese, wo der Büffel gemächlich graste, und wollte ihn fressen. Da wurde der Büffel zornig, rollte vor Wut die Augen und brüllte: „Waren denn meine Worte so gemeint, wie du sie jetzt auslegst? Ich versprach lediglich, Leib und Leben für dich einzusetzen, wenn’s dir an den Kragen gehen sollte!“
Und er senkte drohend seine Hörner. Der Tiger blieb zwar dabei, er habe es satt, sich von Insekten zu ernähren, und wolle ihn fressen, musste aber letzten Endes dem Stärkeren weichen, klemmte den Schwanz ein und lief ins Dickicht.
Der Büffel aber war traurig. Sollte er doch von nun an mit seinem besten Freund, dem Herrscher des Dschungels, in offener Feindschaft leben!
Auch der Tiger ließ den Kopf hängen. Es tat ihm um die Freundschaft leid, die soeben in die Brüche gegangen war. Der Affe aber, der törichte Schwätzer, verbreitete im Wald das Gerücht, der Tiger habe Stein und Bein geschworen, den Büffel doch noch zu fressen. So blieb dem Tiger, um seine Ehre zu wahren, nichts übrig, als dem Büffel auf Schritt und Tritt aufzulauern. Dreimal sprang der Tiger den Büffel an, und jedes Mal nahm der Büffel den Tiger auf die Hörner und schleuderte ihn zu Boden. Zerschrammt und blutend, das Fell in Fetzen, zog er sich ins Dickicht zurück.
Der Affe aber machte sich über ihn lustig und rief ihm zu:
„Sagst du mir auch Dank für den freundlichen Rat? Schmeckt es dir gut, das Fleisch des Büffels?“
„Der Büffel ist nicht so einfältig, sich fressen zu lassen“, sagte der Tiger, „darüber aber, ob das Fleisch mir mundet, verschaffe ich mir auf der Stelle Klarheit!“
Er setzte zum Sprung an, warf sich auf den Spottvogel und fraß ihn mit Haut und Haaren.

Märchen aus Indonesien

Das krumme Knie des Bösen

Das krumme Knie des Bösen

Einmal hütete Gott Schafe und spielte auf einer Hirtenflöte. Der Böse aber hütete Ziegen und spielte auf einem Dudel­sack. Der Böse wollte Gott die Schafe wegnehmen und sagte zu ihm:
»Verstecke du deine Flöte bei den Schafen und ich meinen Dudelsack bei den Ziegen. Finde ich aber deine Flöte, nehme ich dir die Schafe, findest du meinen Dudelsack, wirst du meine Ziegen nehmen!«

Gott versteckte seine Flöte in der Wolle eines Hammels. Der Böse steckte seinen Dudelsack einer Ziege unter ihren Schwanz. Die Schafe gingen an dem Bösen vorüber, und der suchte die Flöte. Es waren alle Schafe vorübergegangen, und er hatte sie nicht finden können. Dann gingen die Ziegen an Gott vorüber, und als die Ziege, die unter ihrem Schwanz den Dudelsack trug, herankam, hustete sie, und der Dudelsack fiel herunter. Da blieb der Böse ohne Ziegen, Gott aber nahm die Ziegen und die Schafe. Das ärgerte den Bösen sehr, denn er war nun ohne Hab und Gut. Da beschloss er, den Wolf zu schaffen, damit der Gottes Schafe und Ziegen fresse, dass dieser ohne Herde bliebe. Er machte aus Holz einen Wolf, konnte ihm aber kein Leben geben, deshalb bat er Gott und sagte: »Du nahmst mir meine Ziegen, gib dafür dem Wolf, den ich aus Holz machte, Leben.«

Gott wusste, wozu der Böse ihn machte; darum sagte er zu ihm:
»Geh‘ und sage zu deinem Holzwolf: Steh‘ auf und friss den Bösen – dann wird er lebendig.«

Der Böse willigte ein und ging, um das dem Wolf zu sagen, doch da fiel ihm ein, dass er ja der Böse war und dass, sobald der Wolf lebendig würde, ihn fressen wird. Deshalb stieg er auf ein kleines Bäumchen und rief:
»Holzwolf, Gott sagt, du sollst aufstehen und den Bösen fressen!«

Da wurde der Wolf lebendig, und er stürzte sich auf den Bösen und packte ihn am rechten Knie. Der Wolf zerrte ihn herunter, der Böse zog sich nach oben, und als er sich losriss, stieg er wieder auf den Baum hinauf, aber der Wolf hatte seine Sehnen am rechten Knie durchgebissen. Und darum hat der Böse ein krummes Bein.

Deshalb fluchen die Leute auf das krumme Knie vom Bö­sen, und seitdem frisst der Wolf die Schafe und die Ziegen, aber auch seinen Meister, sobald er ihn am Kragen zu fassen kriegt. Der Böse streicht in der Nacht herum, aber auch der Wolf sieht in der Nacht und frisst den Bösen auf dem freien Feld, wenn kein Baum dasteht, auf den er sich retten kann.

Märchen aus Bulgarien

Ein gerechter Lohn

Ein gerechter Lohn

Das ist wer weiß wie lange her.

Eines Hochsommers, als große Hitze und Dürre herrschten, verirrte sich ein Krokodil auf der Suche nach Wasser in der endlos weiten Wüste.
Über kurz oder lang kam ein Kaufmann geritten, dem rief es zu: „Gelobt sei Allah! Bruderherz, ich verschmachte! Bringst du mich an einen Fluss, will ich dir’s entgelten. Beim Bart des Propheten, ich zahle dafür jeden Preis!“
„Nun gut, ich schaffe dich hin, nur sollst du mir dein Wort geben, die Gegend, in die ich dich bringe, sogleich wieder zu verlassen und nie mehr Menschen zu fressen!“
Das Krokodil versprach es ihm hoch und heilig. Der Kaufmann band das Krokodil an dem Sattel des Kamels fest und setzte seinen Weg durch die Wüste fort. Am Fluss angekommen, ließ er es in den Uferschlamm gleiten. Es kroch ins Wasser, erholte sich und sann nur noch darauf, wie es das Kamel verschlingen könnte. Als das Kamel trinken wollte, schwamm das Krokodil an es heran und riss den Rachen weit auf.
Da rief der Kaufmann voller Zorn und Gram, selbst das Unglück verschuldet zu haben: „Ich plagte mich ab, dich vom Tode zu erretten, und du willst mir die Mühe mit Undank vergelten!“ Weiterlesen

Unter der Weide – gesungen von Pelageja, Elmira Kalimullina, Maria Goya, Anri Goginaschwili

Unter der Weide

Unter der grünen Weide,
Lag der verwundete Kosake,
Eeeee, oj, ja, unter der grünen,
Lag der verwundete Kosake

Da kam der Vogel Rabe,
Begann er über dem Baum zu krähen,
Aaaj, ja, über ihm kreiste der schwarze Rabe,
Er riecht das leckere Stück da unten

Du sollst nicht krähen, schwarzer Rabe,
Über meinem Kopf,
Eee, oj ja, der schwarze Rabe,
Ich bin ein noch lebender Kosake

Flieg doch, schwarzer Rabe, hin,
Zu meinem Vater, zur Mutter nach Hause,
Eee, übergib das blutige Tuch,
Meiner Frau, jungen Frau

Sag ihr, schwarzer Rabe,
Dass ich eine andere geheiratet habe,
Eeee, dass ich eine andere Braut (=Tod) gefunden,
Im freien Felde hinter dem Fluss

Es gab eine stille Hochzeit,
Unter der Weide,
Eeee, oj ja, stille Hochzeit,
Unter der Weide

Heiratsvermittler war der scharfe Säbel,
Der Trauzeuge war das stählerne Bajonett,
Eee, oj ja, der scharfe Säbel,
Der Trauzeuge war das stählerne Bajonett

Schnell hat die Kugel uns verheiratet,
Und die Mutter-Erde uns verlobt,
Eee, oj ja, schnelle Kugel,
Mutter-Erde hat uns verlobt

Под Ракитою

Под ракитою зелёной
Казак раненый лежал
Ееееее, ой да под зеленой
Казак раненый лежал

Прилетела птица-ворон
Начал каркать над кустом
Ааай, да над ним вился черный ворон,
Чуя лакомый кусок

Ты не каркай, черный ворон
Над моею да головой
Еее, ой да, черный ворон,
Я казак еще живой

Ты слетай-ка, черный ворон,
К отцу, к матери домой
Еее, передай платок кровавый
Моей житке да молодой

Ты скажи ей, черный ворон,
Что женился на другой
Еее, что нашел себе невесту
В чистом поле за рекой

Была свадьба тиха, смирна
Под ракитовым кустом
Еее, ой да тиха смирна
Под ракитовым кустом

Была сваха – сабля востра,
Штык булатный был дружком
Еее, ой да сабля востра,
Штык булатный был дружком

Поженила пуля быстро,
Обвенчала мать земля
Еее, ой да, пуля быстра,
Обвенчала мать земля

Das beste Meisterstück

Das beste Meisterstück

Es lebte einmal ein Zar, der hielt sich viele Bediente und Handwerker.
Eines Tages entbrannte vor den Gemä­chern des Zaren ein Streit zwischen dem Goldschmied und dem Tischler, wer von beiden sein Handwerk besser ausübe. Der Zar, der das hörte, entschied: „Ich gebe euch drei Wochen Zeit. Ihr sollt beide euer Meisterstück machen, der eine aus Gold, der andere aus Holz. Dann wollen wir sehen, wer von euch sein Handwerk besser versteht.“
Als die drei Wochen um waren, kamen beide ins Schloß, und jeder trug ein Bündel mit sich.
Als erster trat der Goldschmied vor den Zaren, bat ihn, ein großes Faß Wasser her­beischaffen zu lassen, schnürte darauf sein Bündel auf, holte eine goldene Ente hervor und setzte sie aufs Wasser. Die Ente schwamm hin und her, als wäre sie leben­dig, wackelte mit dem Kopf und schnat­terte in einem fort.
Der Zar riss Mund und Augen auf, und auch der Hof wunderte sich über die Maßen. „Ist das ein Meisterstück!“
Darauf wandte sich der Zar an den Tisch­ler, er solle nun seine Kunst unter Be­weis stellen. Der Tischler verneigte sich und sprach: „Väterchen Zar, ich bitte dich, lass ein Fenster öffnen, damit ich dir be­weise, was ich kann!“
Das Fenster ward geöffnet. Weiterlesen

Freiheit ist das höchste Gut

Freiheit ist das höchste Gut

Es lebte in einem Khanat ein Mann, dem gebar die Frau einen Sohn.
Der Junge wuchs sehr schnell heran, wurde alsbald so groß und behend, dass der Vater ihm ein rotbraunes Fohlen schenkte, auf dem er in die Steppe hinausreiten konnte. Auch Bogen und Pfeile führte der Junge und erlegte so manchen Fuchs und Hasen.
Eines Tages kam der Khan durch die Gegend geritten und hörte die Leute reden: „Seht mal den Recken da, der hat nicht seinesgleichen! Ihn müsste man als Khan über das Volk einsetzen. Unser Herrscher gleicht einem übertränkten Pferd, fressen tut er viel, aber vor der Arbeit drückt er sich.“

Erzürnt beschloss der Khan, den Jungen aus der Welt zu schaffen. Er ließ ihn zu sich in seine Jurte führen und sprach: „Man munkelt, du seist der stärkste Mann im ganzen Khanat, und von deinem Reittier behaupten die Leute, es sei das feurigste hierzulande. Reite also gen Süden, wo Mangus, der zehnköpfige Menschenfresser haust, und bringe ihn vor meine Jurte!“ Weiterlesen