Peppe und der weiße Esel

Peppe und der weiße Esel

Einst lebte eine arme Waschfrau, die hatte einen einzigen Sohn. Er hieß Peppe, und alle Leute hielten ihn für dumm.
Es war im Karneval, in allen Häusern wurde gekocht und gebraten, Makkaroni und Wurst. Nur die arme Waschfrau hatte nichts zu essen als trockenes Brot. Da sprach Peppe: „Mutter, überall isst man heute so gute Sachen, wir allein haben trocken Brot auf dem Tisch. Gebt mir Euer Huhn. Ich will es verkaufen und dafür Makkaroni und Wurst bringen.“
„Was bist du einfältig! Soll ich mein letztes Huhn hergeben“, rief da die Frau, „damit ich nachher keins mehr habe?“
Peppe aber bat so lange, bis die Mutter ihm endlich das Huhn überließ.
Er ging auf den Markt und bot es zum Verkauf an. Da kam ein Mann und fragte ihn: „Was soll das Huhn kosten?“ „Drei Taler.“
„Ist es auch recht fett?“ wollte der Mann wissen und nahm das Huhn in die Hand. Ehe sich Peppe aber dessen versah, war der Mann mitsamt dem Huhn verschwunden. Denkt euch nun den armen Peppe, wie er jammerte: „Ach, meine Mutter wird mich schelten, was soll ich tun?“ Weiterlesen

Kullerkorn

Es war einmal ein Mann, der hatte sechs Söhne und eine Tochter. Eines Tages wollten die Söhne pflügen gehen und baten die Schwester, sie solle ihnen das Mittagessen bringen. Sie aber fragte: „Wie soll ich euch finden? Ich weiß doch nicht, wo ihr seid.“
Sie antworteten: „Wir ziehen eine Furche von unserem Haus bis zum Feld, auf dem wir pflügen. Geh nur immer der Furche nach!“
Im Wald aber, in der Nähe des Feldes, lebte ein Drache, der schüttete die Furche zu und zog eine neue, die bis zu seinem Gehöft führte. Als das Mädchen nun mit dem Essen kam, folgte es der neuen Furche und gelangte nicht zu ihren Brüdern, sondern auf das Gehöft und somit in die Gewalt des Drachen.
Die Söhne aber kamen abends heim und sprachen zur Mutter: „Wir haben den ganzen Tag gepflügt, und du hast uns kein Essen geschickt.“
„Aber Aljonka hat es euch doch gebracht! Ich dachte, sie käme mit euch zurück. Sie wird sich doch nicht etwa verirrt haben?“
Da sagten die Brüder: „Wir müssen sie suchen gehen!“
Sie gingen alle sechs der Furche nach und kamen zum Palast des Drachen. Sie gingen hinein, blickten sich um – und siehe, da saß ihre Schwester.
„Ach, liebe Brüder, wo versteck ich euch nur, wenn der Drache kommt? Er frisst euch doch alle auf!“
Da flog der Drache auch schon heran. „Puh“, fauchte er, „ich rieche Menschenfleisch! Na, ihr Bürschchen, wollt ihr euch schlagen, oder wollt ihr euch fügen?“
„Nein“, riefen sie mutig, „wir wollen uns schlagen!“
„So kommt auf die eherne Tenne.“
Sie gingen auf die eherne Tenne, doch nicht lange währte der Kampf. Mit einem Schlag streckte sie der Drache zu Boden, so dass sie kaum noch atmeten. Darauf nahm der Drache die sechs Brüder und warf sie in ein tiefes Verlies.
Die Mutter und der Vater warteten auf die Söhne, doch die kamen nicht zurück.
Eines Tages ging die Frau zum Wäschespülen an den Fluss. Da kullerte ihr ein kleines Korn über den Weg. Sie las es auf, besah es sich und aß es auf.
Nach einer gewissen Zeit gebar sie einen Sohn, den nannte sie Kullerkorn. Er wuchs und wuchs und wurde ungewöhnlich groß für seine Jahre. Weiterlesen

Die einzige Rettung

Ein Landgendarm wollte einen zugefrorenen Fluss überqueren und brach dabei im Eis ein.
Die Leute strömten herzu, und etliche holten Bootshaken. Da kam ein Bauer des Wegs.
„Wozu die Aufregung?“ fragte er.
„Der Landgendarm ertrinkt!“
„Zeigt ihm einen Rubel, dann springt er heraus.“

Ukrainisches Märchen

Das Zicklein mit der Glocke

Das Zicklein mit der Glocke

Es war Frühling.
Auf einer Weide graste eine Ziege mit ihrem Zicklein.
Die Ziege suchte und wies dem Kleinen fürsorglich das zarte Hammelgras, das seine ersten Blüten öffnete und weiß wie Schnee auf der noch gelbbraunen Steppe leuchtete.
Als sich kein Hälmchen mehr fand, hängte die Ziege dem Zicklein eine kleine kupferne Glocke um den Hals. „Ich gehe jetzt und sehe mich nach einem anderen Weideplatz um. Warte hier auf mich. Wenn jemand dir etwas zuleide tun will, läute! Dann komme ich und helfe dir.“
„Ja“, sagte das Zicklein; und die Ziege lief.
Sie hatte kaum ein paar Sprünge gewagt, als sie die Schelle klingen hörte. Wie sie erschrak, kehrtmachte und rannte!
„Was ist, wer bedroht dich, mein Kind?“ fragte sie ganz außer Atem.
„Eine Fliege hat sich auf mein Bein gesetzt. Ich bitte dich, jage sie weg“, antwortete das Zicklein.
„Und ich fürchtete schon, die Wölfe kämen! Dass du mir nicht noch einmal läutest, wenn du nicht in Gefahr bist!“ schalt die Ziege und machte sich wieder auf den Weg.
Sie war jedoch kaum in der ersten Schlucht verschwunden, als sie die Schelle aufs Neue vernahm.
Wieder erschrak sie und rannte.
„Was ist, wer bedroht dich, mein Kind?“ Weiterlesen

Der Iltis

Der Iltis

Es waren einmal ein Großvater und eine Großmutter, denen stahl ein Iltis die Kücken. Eins nach dem andern schleppte er sie weg, und zu guter Letzt holte er auch noch die Glucke. Da sagte der Mann: „Ich will ausziehen und den Iltis verprügeln!“ Sprach’s und machte sich auf den Weg.
Wie er so ging, begegnete er einem Kuhfladen.
„Wohin des Weges, Großvater?“
„Den Iltis verprügeln.“
„Ich geh mit.“
„Komm!“
Zu zweit wanderten sie weiter. Da begegneten sie einem Baststreifen.
„Wohin des Weges, Großvater?“
„Den Iltis verprügeln.“
„Ich geh mit.“
„Komm!“
Zu dritt wanderten sie weiter. Da begegneten sie einem Stöckchen.
„Wohin des Weges, Großvater?“
„Den Iltis verprügeln.“
„Ich geh mit.“
„Komm!“ Weiterlesen

Frösche auf Wanderschaft

Frösche auf Wanderschaft

Kyoto war früher die Hauptstadt von Japan. Das ist Kyoto jetzt nicht mehr, aber es ist noch immer eine große und sehr schöne Stadt. Hunderte von Tempeln sind da, meist Holzbauten, mit Schnitzereien reich verziert, umgeben von grünen Hainen. Manche Tempel sind allerdings schon verfallen, aber die Haine sind noch schön mit ihren Kiefern und Kirschbäumen, Ahornsträuchern und Bambusgebüschen und mit ihren vielen Teichen, in denen Iris und Lotosblumen wachsen und Millionen von Fröschen ein vergnügtes Dasein führen. In den warmen Sommernächten machen die Frösche ein herrliches Konzert, das in der ganzen Stadt zu hören ist. Die Japaner freuen sich über den Mond und den Gesang der Frösche und singen auch selber vor sich hin, ebenso schön wie die Frösche. Nun hatte sich aber einmal unter den Fröschen der alten Kaiserstadt, wer weiß auf welche Weise, ein Gerücht verbreitet, dass in der Nähe noch eine andere große Stadt läge, Osaka genannt. In dieser Stadt gäbe es auch Tempel und Lotosteiche, so wurde erzählt, allerdings nicht so viele wie in Kyoto. Aber dafür wäre die ganze Stadt von langen Kanälen durchzogen, auf denen längliche, hölzerne Häuser, die die Menschen Schiffe nannten, hin- und herfuhren. Und am Ende der Stadt befände sich ein großer Teich, sehr viel größer als alle Teiche von Kyoto zusammen. Man könnte sein Ende überhaupt nicht sehen. Auf diesem Gewässer kämen große Schiffe von weit her und brächten Kisten und Kasten, Ballen und Pakete, und es gäbe ungeheuer viel Neues zu sehen. In den Kanälen von Osaka aber wohnten auch eine Menge Frösche, und die machten ebenfalls sehr schöne Musik in den Sommernächten.
Dieses Gerücht wurde das Tagesgespräch der Frösche in Kyoto, die sich sehr wunderten, dass in ihrer Nähe so viele Stammesbrüder wohnen sollten, die sie gar nicht kannten und nie gesehen hatten. Mit der Zeit wurde der Wunsch immer dringender, mit diesen Fröschen in Osaka freundschaftliche Verbindungen anzuknüpfen. Also wurde eine große Versammlung abgehalten und beschlossen, einen alten Großfrosch, der in seiner Jugend viel gereist sein sollte und im Rufe großer Erfahrungen stand, als Gesandten abzuschicken, damit er den Ort und die Bewohner erst einmal kennenlernte. Es war ja gar nicht einmal sehr weit, man brauchte bloß über einen nicht allzu hohen Berg zu wandern, der noch heute zwischen beiden Ortschaften liegt. Gesagt, getan. Eines Tages machte sich der ehrwürdige Großfrosch von Kyoto auf die Beine, und hupp-hupp! begann er den Berg zu erklettern. Oft blickte er nach der Heimat zurück, aber tapfer wanderte er weiter, bis er auf die Höhe kam, von der aus man Osaka sehen konnte. Weiterlesen