Die Glasaugen

Ein Bauer brachte einmal seine Steuern in die Kreisstadt. Der Schreiber nahm sie entgegen, sah in seinem Buche nach und sagte:
„Hier steht noch ein Rückstand von zehn Rubeln verzeichnet!“
„Ich hab aber längst alles bezahlt“, widersprach der Bauer.
„Das hast du nicht. Du bist noch etwas schuldig.“
„Nein, nichts bin ich schuldig.“
„Doch bist du es!“
„Nein, nichts bin ich schuldig!“
Da erkannte der Schreiber, dass er den Bauern diesmal nicht betrügen konnte. Um sich aus der Sache herauszuwinden, sagte er zu seinem Untergebenen:
„Gib mir mal die Brille!“ Setzte sie auf und sah noch einmal im Buche nach.
„Stimmt, du bist nichts schuldig.“
Da erwiderte der Bauer: „Gott möge den Glasaugen Gesundheit schenken und die Eurigen zerspringen lassen!“

Ukrainisches Märchen

Das Öchslein aus Stroh

Es waren einmal ein alter Mann und eine alte. Frau, die lebten in großer Armut. Der Mann arbeitete als Pechsieder in einer Pechsiederei, die Frau aber saß daheim und spann, und der Erlös aus ihrer Hände Arbeit reichte nur fürs Essen und Trinken. Eines Tages bat die Frau ihren Mann: „Mach mir doch ein Öchslein aus Stroh, Alter, und verpich es mit Pech.“
„Was du da schwätzest, du dummes Weib! Wozu brauchst du ein solches Öchslein?“
„Mach es nur, ich weiß schon wozu.“ Wohl oder übel musste sich der Mann darein schicken, machte ein Öchslein aus Stroh und verpichte es mit Pech. Dann legten sie sich schlafen.
Am nächsten Morgen nahm die Frau ihre Spindel, trieb das Öchslein auf die Weide, setzte sich auf einen Hügel, drehte die Spindel und sprach: „Weide, Öchslein, weide grünes Gras, ich dreh indes die Spindel. Weide, Öchslein, weide grünes Gras, ich dreh indes die Spindel.“
Sie drehte die Spindel, sie spann den Faden, und schließlich schlummerte sie ein. Da kam ein Bär aus dem dichten Wald, aus dem düsteren Tann, und sprang auf das Öchslein zu. „Was bist du für einer?“ fragte er. „Sag an.“
Antwortete das Öchslein: „Ein Öchslein bin ich armer Wicht, aus Stroh gemacht, mit Pech verpicht.“
„Ei“, sagte da der Bär, „wenn du aus Stroh bist und mit Pech ver­picht, dann gib mir ein wenig von dem Pech, damit ich mir meine zerschundene Hüfte verpichen kann.“
Das Öchslein aber stand still und stumm. Da schnappte der Bär ihm in die Flanke und wollte ein wenig von dem Pech abbeißen. Er biss und biss, doch die Zähne blieben ihm kleben, er konnte sie nicht wieder herausziehen. So zerrte und zauste er das Öchslein und zerrte es Gott weiß wohin.
Als die Frau erwachte, war das Öchslein verschwunden. „O weh, wohin mag wohl mein Öchslein geraten sein? Am Ende ist es gar schon heimgelaufen.“ Weiterlesen

Die List des Burschen

Die List des Burschen

Es war einmal ein Reicher, der tat immer sehr schlau. Auch hatte er eine schöne Tochter. Viele Freier warben um sie. er aber wies alle ab und sagte, nur der be­komme seine Tochter zur Frau, dem es gelinge, ihn dreimal übers Ohr zu hauen. Das hatte jedoch bisher keiner fertigge­bracht.
In der Nachbarschaft lebte ein armer Bursche, der kam eines Tages auf den Hof des Reichen und fragte ihn: „Gilt auch für mich das, was du den anderen versprochen hast, und gibst du mir deine Tochter zur Frau, wenn ich dich dreimal überliste?“
Da lachte der Reiche, dass die Wände wackelten.
„Es gilt! Mein Ehrenwort, du sollst sie haben, wenns dir gelingt, mich dreimal zu betrügen! Bisher hat’s keiner ge­schafft.“
„Vielleicht schaffe ich es?“ meinte der Bursche.
„Mach, dass du fortkommst, Möchte­gern!“ schimpfte der Reiche. „Siehst du denn nicht, dass das Boot schon bereitsteht und ich zum Fischfang hinaus will?“
„Nimm mich mit auf den See“, bat ihn der Bursche, „was ich fange, soll dir ge­hören.“
Da ließ der Reiche den Burschen ins Boot steigen. Der legte sich in die Riemen und lenkte das Boot vor ein Röhricht, wo, wie er wusste, der Grund dermaßen steinig war, dass die Fische ihn mieden. Dort warf er die Angel so geschickt aus, dass sie sich an einem Stein festhakte, und sagte zum Reichen: „Ei der Tausend, ein Fisch hat angebissen, der muss recht groß sein, hilf mir ihn herausziehen!“ Weiterlesen

Amo, der Fischersohn

Amo, der Fischersohn

An einem Gewässer hauste der Fischer Atam mit den Seinigen. Tag um Tag ging er mit dem ersten Hahnenschrei fischen und kehrte erst spät am Abend in die Kate zurück. Nicht jederzeit lachte ihm das Glück, nicht immer zog er einen Fang ans Land.
Einmal, als er das ausgeworfene Netz einholte, sah er einen großen, silbrig schimmernden Fisch darin zappeln. Außer sich vor Freude rief er seinen Sohn Amo herbei, damit der das Netzende halte, bis er ein Fischeisen holte. Amo aber, dem der schöne Fisch leid tat, ließ ihn schwimmen. Als Atam zurückgekehrt das Netz leer sah, verabreichte er zornentbrannt dem Sohn eine Ohrfeige.
Ohne ein Wort zu sprechen, begab, sich Amo nach Hause, legte die feinsten Kleider an und nahm Abschied von der Mutter.
„Vater hat mir Unrecht angetan“, sagte er, „drum ziehe ich fort von euch, um in der Welt mein Glück zu versuchen.“
Ziellos wanderte er von Dorf zu Dorf, die Leute nach Arbeit ausfragend, fand aber nirgends eine. Müde geworden, legte er sich zur Abendstunde an einem Wald­see nieder, um die Nacht über auszuruhen. Am Morgen mit steifen Gliedern er­wacht, sah er einen Jüngling herantreten, der grüßte ihn freundlich und sagte:
„Steh auf, Amo, wir haben den gleichen Weg!“ Weiterlesen

Der Tiger und der Affe

Der Tiger und der Affe

In den alten Zeiten, als die Tiger kein Fleisch fraßen und sich von Insekten ernährten, wurden gar weite Landstriche von einer großen Trockenheit heimgesucht.
Auch im Dschungel siechte alles hin. Am meisten litt unter der Dürre der Büffel, ein großes und starkes Tier, das viel Grünfutter brauchte. Er wurde von Tag zu Tag schwächer, schleppte sich mit Mühe und Not an einen fast ausgetrockneten Fluss und sah dort höchst verwundert eine grüne Wiese, auf der Hirsche grasten. Die Hirsche erkannten sofort, dass der Büffel ihnen nichts anhaben konnte, und jagten ihn von der Wiese.
Da nahm der arme Büffel die letzten Kräfte zusammen und begab sich zum Tiger, dem Herrscher des Dschungels. Der lag im Schatten und schnappte nach umherfliegenden Heuschrecken.
Der Büffel trat vor ihn hin und sprach: „Herrscher des Dschungels, erlöse mich aus großer Not, befiehl den Hirschen am Flussufer, mich auf der grünen Wiese weiden zu lassen. Ich will mich dir dafür erkenntlich zeigen und wenn es nötig ist, Leib und Leben für dich hingeben!“
Der Tiger, dem der Büffel leid tat, ging mit ihm zur grünen Wiese.
Als die Hirsche des Herrschers ansichtig wurden, stoben sie auseinander und zogen sich zurück. Nun konnte der Büffel ungestört grasen.
Von Stund an hielten Büffel und Tiger wie Pech und Schwefel zusammen. Der Büffel brauchte keinen Gegner zu fürchten, wenn sich der Tiger in der Nähe aufhielt, und auch der Tiger kam auf seine Rechnung, denn der Büffel erdrückte, sich im Grase wälzend, haufenweise Heuschrecken und Grashüpfer. Weiterlesen