Die bunt Gescheckten

Ein junger Bursche namens Markelja geriet in türkische Gefangenschaft und verbrachte dort viele Jahre. Da er aber in allen Sätteln gerecht war, dazu auch witzig und sangesfreudig, hatte ihn jedermann gern. Auch ein türkischer Wesir gewann ihn lieb und beschloss, ihn zum Islam zu bekehren und zu adoptieren. Mit Lügen und Schmeicheleien versuchte er den Burschen so weit zu bringen, dass er den mohammedanischen Glauben annahm, doch dieser ließ sich nicht fangen, rutschte ihm wie ein Aal aus den Fingern. Das ging eine Weile so, aber dann verlor der Wesir die Geduld. Er befahl, Markelja in die Moschee zu bringen und ihn gewaltsam mohammedanisch zu machen.
„Höre, du Pestbeule!“ sagte er zu Markelja. „In drei Tagen wirst du gewaltsam zum Islam bekehrt. Und fügst du dich nicht darein, dann schlage ich dir den Kopf ab.“ Weiterlesen

Robert Frost – Die verpasste Straße (The Road Not Taken)

Zwei Straßen gingen ab im gelben Wald,
Und leider konnte ich nicht beide reisen,
Da ich nur einer war; ich stand noch lang
Und sah noch nach, so weit es ging, der einen
Bis sie im Unterholz verschwand;

Und nahm die andre, grad so schön gelegen,
Die vielleicht einen bessern Weg versprach,
Denn grasbewachsen kam sie mir entgegen;
Jedoch, so weit es den Verkehr betraf,
So schienen beide gleichsam ausgetreten,

An jenem Morgen lagen beide da
Mit frischen Blättern, noch nicht schwarz getreten.
Hob mir die eine auf für’n andern Tag!
Doch wusste ich, wie’s meist so geht mit Wegen,
Ob ich je wiederkäm, war zweifelhaft.

Es könnte sein, dass ich dies seufzend sag,
Wenn Jahre und Jahrzehnte fortgeschritten:
Zwei Straßen gingen ab im Wald, und da –
Wählt‘ ich jene, die nicht oft beschritten,
Und das hat allen Unterschied gemacht. Weiterlesen

Hundert Wölfe

Hundert Wölfe

Erzählte doch da ein junger Bursche: „Als ich gestern Abend durch den Wald ging, hab ich eine Heidenangst ausgestanden! Bin grad noch mit heiler Haut davongekommen.“
„Und warum?“ fragten seine Freunde.
„Hundert Wölfe haben mich verfolgt.“
„Ei der Daus!“
„Ihr glaubt’s wohl nicht? Na, wenn’s nicht hundert gewesen sind, aber fünfzig waren es ganz gewiss.“
„Im ganzen Wald gibt’s doch nicht so viele.“
„Ihr zweifelt wohl? Mindestens ein Dutzend hat mich verfolgt, ich sag’s doch!“
„Schwindle nicht!“
„Das ist nicht geschwindelt. Ein Wolf war mir auf den Fersen, ich sag’s doch!“
„Und wo hast du ihn gesehen?“
„Bei Gott, ich hörte deutlich ein Rascheln im Gebüsch.“

Märchen aus der Ukraine