Das Gericht der Vögel

Wütend war die Reiherin – weit konnte man es hören –
auf die Eule, die auf einem Baumstumpf saß indessen!
„Eule, du verruchte, warte nur, ich werd dich lehren!
Hast mir meine Kinderchen erwürgt und aufgefressen!
Jede Nacht umkreist du Bestie stöhnend hier den Weiher,
glühn im Dunkeln deine bösen Augen grell wie Feuer!“ –
„Wer hat dir gesagt, dass ich sie aufgefressen habe?“
rief die Eule. – „Nein, ich schwöre dir, es war der Rabe!“
Plötzlich lief das Birkhuhn, aufgestört durch das Geschrei,
flogen die Möwe und die Eichelhäherin herbei.
Tröstend sprachen sie: „Hör auf, zu weinen und zu fluchen!
Besser wär’s, wenn wir vereint den Übeltäter suchen!“
Und sie sausten los quer durch den Wald – den höchsten Ast
einer Rieseneiche wählten sie sich aus zur Rast.
Ihre flinken Äuglein spähten aus, und bald entdeckt
war der Rabe, der im dichten Laub sich hielt versteckt.
Seitwärts packten Reiherin und Häherin den Tropf.
„Teufel!“ schrie die Möwe, als sie ihn ergriff beim Schopf.
In das Innere des Waldes schleppten sie ihn dann,
wo im Beisein aller Vögel das Gericht begann.
Richter war der Adler, dem der Falk die Feder führte.
Und der Urteilsspruch war hart, wie’s Räubern wohl gebührte:
Alle Vögel sollten aus dem Wald fortan ihn jagen,
vogelfrei sollt er den Namen Vogel nie mehr tragen!

Märchen aus der Ukraine

Der gewitzte Knecht

Ein Pope hatte einen Knecht, der hieß Iwan. Wie bekannt, pflegten die Popen ihren Knechten schlechtes Essen vorzusetzen. Nie gaben sie ihnen frisches Brot, immer war es altbacken und oftmals sogar steinhart.
Eines Tages kam noch zu später Stunde ein reicher Mann und ließ sein Kind taufen. Iwan aber hatte aufgepasst, wo die Magd das Brot versteckte, das jener mitgebracht. Am Abend nahm er es und trug es in seine Behausung. Da dachte er bei sich: Ein Dummkopf war ich, wollt ich trocken Brot essen! Ich geh in den Keller und hol mir saure Sahne dazu.
Während die Magd noch in der Küche zu tun hatte, ging er auf den Hof, schlich in den Erdkeller und machte sich über die Sahne her; er aß und trank sich satt und ging davon. Etwas Sahne aber war auf die Erde getropft, und als nun die Popenfrau am nächsten Morgen in den Keller kam, merkte sie, dass jemand von der Sahne gegessen hatte.
„Unser Iwan fängt an zu stibitzen“, klagte sie dem Popen.
Der rief Iwan zu sich und fragte: „Iwan, fängst du an zu stibitzen?“
„Kein einzig Mal hab ich etwas stibitzt, Väterchen“, antwortete Iwan.
„Dann sind es wohl die Heiligen gewesen, was?“ fragte der Pope.
„Wer weiß“, entgegnete Iwan, „vielleicht waren es die Heiligen!“
Am nächsten Tage tat sich Iwan wiederum im Keller gütlich. Dann nahm er die Kirchenschlüssel und den Topf mit Sahne und ging zur Kirche. Er schloss sie auf, trat ein und strich den Heiligen Sahne um den Mund. Dem heiligen Nikolai aber, dem obersten Heiligen, bestrich er außerdem noch den Bart. Dann schloss Iwan die Kirche wieder zu und ging heim. Weiterlesen

Der Mann, der Hausfrau sein sollte

Der Mann, der Hausfrau sein sollte

Es war einmal ein Mann, der war so boshaft und knarrig, dass er noch jedes Mal fand, seine Frau täte nicht genug. Einmal, als er draußen auf dem Feld arbeitete, sollte seine Frau ihm das Mittagessen bringen. Sie hatte aber viel zu tun und konnte nicht zu der Zeit kommen, zu der er sonst immer sein Essen bekam. Darüber war er mächtig aufgebracht und fluchte und lärmte wie ein Türke.
»Lieber Freund, sei nicht so böse«, sagte seine Frau. »Morgen wollen wir die Arbeit tauschen. Du sollst zu Hause bleiben und die Hausarbeit machen, und ich will hinaus auf die Wiese gehen.« Das gefiel dem Mann gut. Am Morgen ging die Frau hinaus auf die Wiese, und der Mann machte sich an die Hausarbeit. Zuerst sollte er Butter machen. Aber als er eine Weile gebuttert hatte, da wurde er durstig und ging hinunter in den Keller, um sich ein Dünnbier zu zapfen. Während er das tat, hörte er, dass das Schwein in die Küche gelaufen war, wo das Butterfass stand. Da sprang er so schnell er konnte aus dem Keller hinauf, den Zapfen vom Fass noch in der Hand. Und als er hinaufkam, sah er, das Schwein hatte die Kanne umgeworfen, und alle Sahne war herausgelaufen. Da vergaß er den Zapfen in seiner Hand und verfolgte das Schwein, erwischte es an der Tür und versetzte ihm einen so heftigen Schlag, dass das arme Tier auf der Stelle tot umfiel. Erst jetzt erinnerte sich der Mann wieder an das Fass, und er beeilte sich hinunter in den Keller — Weiterlesen

Der Drachentöter

Es war ein schönes und fruchtbares Land mit Wäldern, Feldern, Flüssen, Straßen und Städten. Ein König war darüber gesetzt von Gott, ein Greis, älter und stolzer als alle Könige, von denen man je Glaubwürdiges gehört hat. Dieses Königs einziges Kind war ein Mädchen von großer Jugend, Sehnsucht und Schönheit. Der König war verwandt mit allen Thronen der Nachbarschaft, seine Tochter aber war noch ein Kind und allein, wie ohne alle Verwandtschaft. Gewiss war ihre Sanftmut und Milde und die Macht ihres unerwachten stillen Angesichtes die unschuldige Ursache jenes Drachens, welcher, je mehr sie emporwuchs und aufblühte, desto näher heranschlich und sich endlich im Walde vor der schönsten Stadt des Landes, wie der Schrecken selber, niederließ; denn es bestehen geheime Beziehungen zwischen dem Schönen und dem Schrecklichen, an einer bestimmten Stelle ergänzen sich beide wie das lachende Leben und der nahe tägliche Tod.

Damit ist nicht gesagt, dass der Drache der jungen Dame feindlich war, wie ja auch niemand auf Ehre und Gewissen sagen kann, ob der Tod des Lebens Widersacher ist. Vielleicht hätte das große kochende Tier sich wie ein Hund neben dem schönen Mädchen niedergelegt und es wäre vielleicht nur durch die Abscheulichkeit der eigenen Zunge abgehalten worden, die lieblichsten Hände in tierischer Demut zu liebkosen. Aber man ließ es natürlich auf eine Probe nicht ankommen, zumal der Drache Weiterlesen